Prof. Dr. Friedrich Dörr

Friedrich Dörr wurde am 13. Dez.1921 in Landsberg als Sohn eines Eisenbahners geboren. Im September 1940 erhielt er am Realgymnasium Augsburg in der 8. Klasse den Sonderreifevermerk wegen vorzeitiger Einberufung zum Arbeitsdienst. Er wurde im Frühjahr 1941 zum Wehrdienst eingezogen. Im Rahmen des Russlandfeldzuges marschierte er bis in den Kaukasus, wo er 1943 schwer verwundet wurde, und als Folge davon den linken Arm verlor.

Unter schwierigsten Umständen konnte Friedrich Dörr 1944 mit dem Studium der Physik an der Technischen Hochschule in München beginnen. Nach Abschluss einer experimentellen(!) Diplomarbeit bei Prof. Dr. W. Meißner über Schalldämpfung bestand er die Diplomhauptprüfung 1950 "Mit Auszeichnung" und wechselte zur Anfertigung einer Doktorarbeit an das Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie unter Leitung von Prof. Dr. Günther Scheibe. F. Dörr hatte 1950 hiermit die Entscheidung für sein zukünftiges Arbeitsgebiet getroffen.

Die 1953 fertig gestellte Dissertation über "Absorptions- und Lumineszenzspektren aromatischer Ketone" lag einerseits in der Tradition der Scheibe'schen Forschung über den Zusammenhang zwischen Farbe und Konstitution von ungesättigten organischen Verbindungen. Andererseits aber zeigte sie bereits die Richtung an, mit der sich die wichtigsten Dörr'schen Arbeiten in den folgenden Jahren befassen sollten: Die Suche nach dem Verständnis der Absorptions- und Emissionsspektren organischer Moleküle mit nicht-bindenden Elektronen und die Erklärung des photochemischen Verhaltens von Ketonen und Chinonen , und dabei insbesondere der anthrachinoiden Küpenfarbstoffe. Zusammengefasst wurden die Ergebnisse in der 1958 vorgelegten Habilitationsschrift mit dem Thema: "Die Absorptionsbanden von Diketonen und aromatischen Ketonen, ihr Zusammenhang mit chemischen Bindungsenergien und ihre Klassifikation nach Übergangstypen“. Eine Vielzahl der damals beschriebenen Forschungsergebnisse gehört heute zum Standardwissen eines UV-Spektroskopikers und nicht selten auch zum allgemeinen Lernstoff eines angehenden Chemikers.

Hilfsmittel der Dörr'schen Forschung war in erster Linie die Spektroskopie, angefangen von ESR und NMR über IR, UV-Absorption und Emission (insbesondere unter Berücksichtigung der Polarisation) bis hin zu den kohärenten Streuprozessen wie CARS. Charakteristisch für ihn war immer die Bereitschaft, sich mit den neuesten Techniken auseinanderzusetzen und sie auch in der eigenen Gruppe zum Einsatz zu bringen. So ging er z.B. kurz nach Abschluss der Habilitation zu Norrish und Porter (Nobelpreis 1967), um die von diesen entwickelte Technik der Blitzphotolyse zu studieren und um sie für Untersuchungen an den bereits zitierten Anthrachinonderivaten einzusetzen.

Die Deutsche Bunsengesellschaft verlieh dem Privatdozenten F. Dörr 1965 den Bodenstein-Preis und würdigte damit die Ergebnisse einer Forschung, die im Wettbewerb mit den Arbeiten von L. Goodman und M. El-Sayed wesentlich zum Verständnis des niedrigsten Triplettzustandes T1 und seiner Desaktivierungskanäle beigetragen hat. Eine erfreuliche Auswirkung dieses Preises war die Ernennung zum apl. Professor und der Ruf auf den a.o. Lehrstuhl am Institut für Physikalische Chemie der Technischen Hochschule München (Nachfolge auf Prof.-Stelle von C.A. Knorr). Das Extraordinariat wurde zum Ordinariat erhoben und somit ein zweiter Lehrstuhl für Physikalische Chemie eingerichtet mit F. Dörr als Lehrstuhlinhaber. Den ehrenvollen Ruf aus Stuttgart, als Nachfolger von Prof. Dr. Theodor Förster zu wirken, lehnte er 1975 ab.

F. Dörr hat an seinem Lehrstuhl vielen jungen Leuten die Chance gegeben, sich in neue Arbeitsgebiete einzuarbeiten und weitgehend selbständig entsprechende Arbeitsgruppen aufzubauen. Die einzige Empfehlung war seine Feststellung, dass wichtige chemische Reaktionen in der kondensierten Phase ablaufen und er deshalb Untersuchungen in diesem Aggregatzustand den Vorzug gab. Die Fragestellungen und die experimentellen Techniken, die dabei zum Einsatz kamen, waren vielseitig. Als Beispiele mögen genannt werden:

Polarisation optischer Übergänge: relative Orientierung der Übergangsmomente im Molekül und Vergleich mit den Ergebnissen von quantenchemischen Modellrechnungen.

Blitzphotolytische Untersuchungen zur thermischen cis-trans Isomerisierung von Cyaninfarbstoffen, zur H-Abstraktion vom Substrat durch Chinone im T1-Zustand, zur photoinduzierten innermolekularen Protonenwanderung (Tautomerie , Photochromie), sowie zum Photozyklus von Bakteriorhodopsin. 

Einsatz der „zeitaufgelösten“ Resonanz-Raman-Spektroskopie zum Studium des photoinduzierten Elektronentransfers in speziellen Donor-Akzeptor-Systemen und des darauf folgenden intra- bzw. inter-molekularen Wasserstofftransfers.

Absorptions- und Emissionsspektroskopie im Nano- und Pikosekundenbereich zur Untersuchung photophysikalischer und photochemischer Primärprozesse, wie z.B. dem Einfluss struktureller Gegebenheiten auf die Geschwindigkeit der inter- und intra-molekularen Zerfallskanäle. Im Bereich Biophysik: Untersuchungen zum Energietransfer innerhalb der Antennenkomplexe (Phycobilisome) von Cyanobakterien, ergänzt durch Messungen mittels CARS-Spektroskopie zur Charakterisierung der Struktur und des Bindungszustands der enthaltenen Tetrapyrrol-Chromophore.

Breiten Raum nahmen auch theoretische Untersuchungen über die Spin-Bahn-Kopplung in Molekülen ein, insbesondere über den Einfluß von symmetriebrechenden Schwingungen und Schweratomsubstituenten. Dies führte zu einem detaillierten Verständnis der Besetzungs- und Desaktivierungsprozesse der individuellen Spinsubzustände des niedrigsten Triplettzustandes spezieller molekularer Symmetrieklassen. Die experimentellen Grundlagen für diese Untersuchungen wurden durch die Polarisationsspektroskopie sowie durch die optisch detektierte Mikrowellenresonanzspektroskopie (ODMR) an dotierten Molekülkristallen gelegt.

Als Hochschullehrer fühlte sich F. Dörr stets gleichermaßen der Forschung und Lehre verpflichtet. Er war stets bemüht, den Studenten den Einstieg durch einfache und anschauliche Beispiele zu erleichtern, allerdings duldete er keine Näherungen, die den Tatsachen zuwider liefen. Zur Verwirklichung seiner Vorstellungen der Lehre war er bereit, in den verschiedensten Kommissionen mitzuwirken. Als Sisyphusarbeit wird ihm, angesichts der schnellen Veränderungen der Rahmenbedingungen, wohl die Tätigkeit in der Senatskommission zur Revision der allgemeinen Prüfungsordnung, der Promotions- und Habilitationsordnung in Erinnerung bleiben.

Aber auch außerhalb der Technischen Universität war sein Rat, seine kritische, aber unvoreingenommene Beurteilung von Personal- und Sachfragen sehr geschätzt. In den Jahren 1973-1979 war er Fachgutachter für Physikalische Chemie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und auch danach wirkte er noch oft bei der Einrichtung bzw. Verlängerung von Sonderforschungsbereichen bzw. Schwerprogrammen mit.

Der Deutschen Bunsengesellschaft gehört F. Dörr seit 1957 an. In dieser Zeit hat er zwei Hauptversammlungen als Vorsitzender des Ortsausschusses organisiert, nämlich 1968 in Augsburg und 1980 in München, und die übrigen, ohne Ausnahme, als Teilnehmer besucht. Er war Mitglied des ständigen Ausschusses (1969-1972) und des Kuratoriums für die Verleihung des Bunsenpreises. Außerdem vertritt er die Gesellschaft im Kuratorium des Deutschen Museums in München.

Das Bild Friedrich Dörrs wäre jedoch unvollständig gezeichnet, beschränkte man sich auf den Naturwissenschaftler F. Dörr. Mit seinem Talent, Witze mit fachbezogenem Hintergrund und Anekdoten unter gekonnter Imitation zahlreicher Dialekte zum Besten geben zu können, trug er nicht nur zur Unterhaltung bei den regelmäßig besuchten Bunsentagungen bei, sondern führte so die Jüngeren auch in die Grundkenntnisse der Geschichte der Naturwissenschaften ein. Der kollegiale Zusammenhalt am Lehrstuhl wurde durch teilweise hochalpine Wanderungen und Hüttenabende, anlässlich von Institutsausflügen oder Wochenseminaren, u.a. in Pedraces in den Dolomiten, immer wieder gefördert. 1987 wurde F. Dörr emeritiert.

Bis zu seinem Wechsel auf den Lehrstuhl Physikalische Chemie I an der FAU in Erlangen hatte Prof. Dr. Siegfried Schneider die Lehrstuhlvertretung inne. 

(Aus S. Schneider: F. Dörr zum 65. Geburtstag, Berichte der Bunsengesellschaft für Physikalische Chemie 90 (1986) 1109, Homepage TUM – Chemie, Persönl. Mitteilungen)

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