Heinrich Kiliani (1855 - 1945)

Zu Beginn der 20. Jhdts. hat sich auch im Lehrstuhlgefüge unserer Hochschule die Trennung in Anorganische und Organische Chemie vollzogen. Direkte Nachfolger der Linie Erlenmeyer - v.Miller werden im Laufe der nächsten Jahrzehnte Wilhelm Muthmann, Wilhelm Manchot und Walter Hieber als Vertreter der Anorganischen Chemie. Da Georg Cajetan Kaiser bereits kurz nach der Gründung der TH München verstarb, blieben über einige Jahre hinweg nur zwei ordentliche Professoren in der Chemischen Abteilung. Die seit dem Tod von Kaiser unbesetzte Professur für Angewandte Chemie übernimmt Heinrich Kiliani.

Heinrich Kiliani studiert Chemie bei Erlenmeyer, promoviert und habilitiert sich in München und wird 1892 zum ersten planmäßigen Professor für Organische Chemie an der Technischen Hochschule in München ernannt. Leider gelingt es der TH nicht, den bedeutenden Naturstoffchemiker zu halten, und so wird Kiliani 1897 an die Universität Freiburg i. Br. berufen.

Besondere Bedeutung haben seine Arbeiten über die Struktur der Kohlenhydrate. Durch Oxidation der Glucose zu Gluconsäure und anschließende Reduktion zur n-Capronsäure findet er, daß die Glucose eine unverzweigte C-6-Kette enthält und die Carbonylfunktion endständig ist. Eine Acetylierung zeigt, daß jedes übrige KohlenstoffAtom eine Hydroxylgruppe trägt.

Besonders bekannt geworden ist die, später gemeinsam mit E.Fischer ausgearbeitete Homologisierung von Zuckern über Cyanhydrine (Kiliani-Aufbau). Auf diese Weise können erstmals die Verwandschaftsverhältnisse der Zucker zueinander geklärt werden.

Ein schönes Beispiel für die Denk- und Arbeitsweise dieser Zeit ist seine Einleitung zu einer Arbeit aus dem Münchener Laboratorium:

"Ueber das Cyanhydrin der Lävulose.

Während bei der Oxydation der Dextrose durch verdünnte Salpetersäure oder durch Halogene sehr leicht und in grosser Menge Verbindungen entstehen, deren Molekül noch sechs Kohlenstoffatome miteinander verkettet enthält, liefert die Lävulose unter gleichen Bedingungen Körper mit niedrigerem Kohlenstoffgehalte (Glycolsäure und inaktive Weinsäure). Die Oxydation veranlasst also hier sofort eine Spaltung des Moleküls, eine Thatsache, welche darauf hindeutet, dass die Lävulose ein Keton ist. Berücksichtigt man ferner die Thatsache, dass die Lävulose durch nascirenden Wasserstoff in Mannit verwandelt wird, also eine normale Kohlenstoffkette enthält, so kommt man zu dem Schlusse, dass der Lävulose eine der beiden folgenden Constitutionsformeln zugesprochen werden muss

Man durfte nun hoffen, die Richtigkeit der einen oder der anderen Formel sicher beweisen zu können, wenn es gelingen würde, an das Ketonradical der Lävulose Blausäure anzulagern und das gebildete Cyanhydrin in die entsprechende Carbonsäure umzuwandeln. Denn die aus der obigen Verbindung I entstehende Carbonsäure III musste bei möglichst weit getriebener Reduction durch concentrierte Jodwasserstoffsäure Methylbutylessigsäure, die aus II gebildete Carbonsäure dagegen unter gleichen Bedingungen Aethylpropylessigsäure IV liefern.

Von den beiden Heptylsäuren, deren Gewinnung und Identificirung demnach das Endziel dieser Untersuchung bildet, ist die erstere, die Methylbutylessigsäure, von Hecht eingehend untersucht und beschrieben worden, während die zweite, die bisher nicht bekannte Aethylpropylessigsäure, auf dem Wege der Acetessigestersynthese ohne Schwierigkeit darstellbar sein müsste.[...]"

H. Kiliani, Ber. 18, 3066 (1885).

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