Walter Otto Hieber (1895 - 1976)

Walter Otto Hieber wurde am 18. Dezember 1895 in eine kinderreiche schwäbische Pfarrersfamilie bäuerlichen Ursprungs hineingeboren. Der Vater, Johannes Hieber, war vor dem Ersten Weltkrieg Reichstagsabgeordneter, später Kultusminister und schließlich Staatspräsident von Württemberg. Bodenständigkeit, religiöse Verankerung, liberale Staatsauffassung - diese Attribute verdankte Walter Hieber seinem Elternhaus. Sie waren es auch, die ihn später gegen nationalsozialistische Verführung festigten. In der praktischen Lebensbewältigung war Hieber das, worin man einen Schwaben angeblich erkennt: originell im Gedanken, zäh im Fleiß, unnachahmlich in der Sparsamkeit.

Nach dem Chemiestudium und der Promotion in Tübingen folgte der 24jährige Hieber seinem Lehrer Rudolf Weinland nach Würzburg. Wissenschaftlich ganz im Geiste der damals aufsehenerregenden Koordinationslehre des Schweizers Alfred Werner aufgewachsen, legt Hiebers erste Habilitationsthese die Zukunft fest: "Es ist nicht angängig, die Nebenvalenz lediglich als zersplitterte Hauptvalenz zu betrachten!" Der Koordinationschemiker Hieber kam mit der kuriosen Verbindungsklasse der Metallcarbonyle, damals nur mit wenigen Beispielen belegt, zum ersten Mal während seiner Würzburger Zeit als Vorlesungsassistent in Kontakt. Ludwig Mond (1839 – 1909) und Mitarbeiter hatten 1890 in England per Zufall das Tetracarbonylnickel entdeckt und die praktische Nutzanwendung dieser Substanzfabrikmäßig aufgezeigt. Hören wir Hiebers Erinnerung: "Es veranlasste mich mein unvergesslicher Lehrer Weinland zum Aufbau einer Demonstration des Nickelcarbonyls, damals noch aus aktivem Metall im Kohlenmonoxydstrom. Seitdem verließ mich nicht mehr der Gedanke, mich mit Metallcarbonylen experimentell zu befassen. Denn es fiel mir auf, dass vom rein chemischen Verhalten dieser Stoffe trotz der bedeutungsvollen Entwicklung des Mond-Langer-Prozesses zur Aufarbeitung der kanadischen Magnetkiese bis dahin nur recht wenig bekannt war." Und weiter: "Im Herbst 1927 nahm ich im chemischen Institut der Universität Heidelberg Versuche mit Eisenpentacarbonyl auf, das mir Herr Direktor Dr. A. Mittasch von der benachbarten Badischen Anilin- & Sodafabrik zur Verfügung stellte.

Aus eigener Erfahrung ... warnte er mich ausdrücklich vor den Gefahren im Umgang mit diesen heimtückischen, hochgiftigen Substanzen und verband damit noch die Erklärung, es seien auf diesem Gebiet nach allen bisherigen Bemühungen schwerlich wissenschaftlich wertvolle Ergebnisse zu erwarten!" (W. Hieber, 40 Jahre Metallcarbonyle, unveröffentlichtes Manuskript 1969)

Nochmals angeregt durch einen Vortrag von Mittasch auf der Generalversammlung des Vereins Deutscher Chemiker in Dresden im Mai 1928, wo auch von der Möglichkeit einer großtechnischen Produktion des Eisencarbonyls die Rede war, sagt Hieber: "Meine Absicht zum konsequenten Ausbau des aufgegriffenen Arbeitsgebiets wurde damit besiegelt."

Wenig später wird Hieber über die "Basenreaktion des Eisenpentacarbonyls" und über die geglückte Synthese des "Eisencarbonylwasserstoffs" berichten. Hierbei handelt es sich um das erste überhaupt bekannte Komplexhydrid mit formal negativer Metall-Oxidationszahl - Meilenstein metallorganischer Forschung. Hören wir Hiebers Kommentar hierzu: "Lebhaft erinnere ich mich noch an den Tag, als ich gemeinsam mit meinem Mitarbeiter H. Vetter im Heidelberger Institut bei der Zersetzung des ethylendiamin-haltigen Eisencarbonyls mit Säuren eine flüchtige, wasserklare Flüßigkeit ausfrieren und als H2Fe(CO)4 identifizieren konnte." Spätestens jetzt wird Hieber als eigenständiger Wissenschaftler auf einem völlig neuen Forschungsgebiet ernstgenommen. Die Basenreaktion, längst Lehrbuchwissen, beruht auf der Elektrophilie metallgebundenen Kohlenmonoxids und dient als wohl wichtigste Metallcarbonyl-Reaktion vielen katalytischen Prozessen als mechanistische Grundlage:

Fe(CO)5 + NaOH → Na[(CO)4Fe-C(=O)OH] → Na[(CO)4FeH] + CO2

Welches Glück, dass in dieser Zeit der Nobelpreisträger Hans Fischer Dekan der Fakultät war! Er förderte die Berufung des 39jährigen Walter Hieber als Nachfolger von Wilhelm Manchot auf den Anorganischen Lehrstuhl (April 1935) - für Hieber nach Tübingen, Würzburg und Heidelberg die letzte, große Station seiner akademischen Laufbahn. Als vierter Nachfolger von Emil Erlenmeyer war er hier 30 Jahre lang Institutsdirektor der Anorganischen Chemie. Mit seinem Nachfolger E. O. Fischer rückte er München in das Zentrum der modernen Metallorganischen Chemie, weltweit anerkannt, spät ausgezeichnet.

Nach seiner Münchner Berufung sollte sich der zähe, disziplinierte Experimentator Walter Hieber fortan zum bedeutendsten Pionier der Metallcarbonyl-Chemie entwickeln. Mit 250 Experimentalarbeiten im Zeitraum von vier Jahrzehnten hat er dieser Verbindungsklasse nicht nur zu hoher internationaler Popularität verholfen und damit das Interesse zahlloser in- und ausländischer Laboratorien geweckt. Er hat mit seinen Mitarbeitern darüber hinaus auch die bedeutendste Einzelleistung bei der Entwicklung neuer Syntheseverfahren und zum Verständnis der Metallcarbonyl- Reaktivität erbracht. Obwohl eine chemiehistorische Analyse der Einzelleistungen verfrüht und daher im Detail wenig schlüssig wäre, so darf doch vermutet werden, dass Hieber mit der konsequenten Etablierung der Metallcarbonyle in der Chemie dieses Jahrhunderts die metallorganische Forschung als erster auf den Weg gebracht hat. Sein Name muß daher mit jenem von Karl Ziegler in einem Atemzug genannt werden. Natürlich wurden auch Hiebers Erfolge durch viele andere Zeitereignisse in der Wissenschaft begünstigt.

So war es Glück des Tüchtigen, dass kurz nach seiner Entdeckung der ersten Metallcarbonylhydride genau diese, nämlich jene des Cobalts, von Otto Roelen (1917 – 1993) als Katalysatoren der sog. Oxo-Synthese erkannt wurden. Das Bild zeigt Otto Roelen (1932) noch als Doktorand von Franz Fischer im Kaiser Wilhelm- Institut zu Mülheim an der Ruhr anlässlich einer Institutsbesichtigung durch Max Planck, den Präsidenten der Gesellschaft. Dort hatte Roelen das Handwerkszeug der katalytischen Reaktionen des Kohlenmonoxids erlernt und genau dieses Molekül, an Metalle fixiert und dadurch chemisch aktiviert, interessierte Walter Hieber 40 Jahre lang. Vergessen sei hier auch der BASF-Chemiker Walter Reppe nicht, der in den vierziger Jahren die nach ihm benannte Carbonylierung von Acetylenen entdeckte, im Prinzip ebenfalls Metallcarbonyl-Reaktionen.

Die Stärke der Hieberschen Arbeit liegt auf synthetischem Gebiet. Großmeister der Metallcarbonyl-Synthesen, führte er in der Münchner Zeit die Hochdruck-Technik zur Laboratoriumsreife. Bis 1500 bar Druck konnte bei Hieber gefahrlos experimentiert werden. Seinen Konkurrenten jagte er mit den meisten neuen Verbindungen voraus. So gelang 1941 die Darstellung des langgesuchten Rheniumcarbonyls durch reduzierende Druck-Carbonylierung von Dirheniumheptoxid in quantitativer Ausbeute (Z. Anorg. Allg. Chem. 248 (1941) 243). In diese Zeit fällt auch die gründliche Charakterisierung der Disproportionierungsprodukte einfacher Metallcarbonyle. Helmut Behrens, der nachmalige Lehrstuhlinhaber in Erlangen-Nürnberg, führte hierzu die Arbeitsweise in flüssigem Ammoniak ein.

Aber nicht nur ein begnadeter Forscher war Walter Hieber, er gab seine Kraft auch der akademischen Ausbildung. Dies zeigte sich besonders am Ende des Zweiten Weltkriegs, als das Institut mitsamt dem Großen Hörsaal in Trümmern lag. Die Kriegsheimkehrer, darunter E. O. Fischer, waren es, die monatelang als Hilfsarbeiter und Maurer das Institut für sich und die nachfolgenden Studentengenerationen wieder aufbauten, bevor studiert werden konnte. Nicht Luxus, aber Fleiß und Dankbarkeit wohnten im wiederhergestellten Institutsgebäude an der „Hochschulstrasse“. Selbstzufriedenheit gab es damals auch unter den Studenten nicht. Chemie wurde von allen positiv gesehen, Chemie war die Zukunft. Gemeinsam mit dem Organiker Stefan Goldschmidt, den Hieber in Würzburg kennengelernt hatte und den er jetzt zur Rückkehr aus dem holländischen Exil bewegen konnte, setzte er vor überfülltem Hörsaal den Neuanfang in unserer Fakultät. Hans Fischer war im Leid über die Zerstörung seines Instituts am Ostersamstag 1945, kurz vor Kriegsende, aus dem Leben geschieden - ein treuer Ratgeber fehlte.

Hiebers Vorlesungen waren ein Geheimtip unter den Studenten: gedanklich und sprachlich treffsicher, umfassend im Inhalt. Tüchtige Habilitanden wie E. O. Fischer, Fritz Seel, Helmut Behrens - hier noch als Vorlesungsassistent - standen Hieber zur Seite und halfen in der Ausbildung.

Zahlreiche Schüler kamen auf Lehrstühle der Anorganischen Chemie, darunter E. O.Fischer (München), F. Seel (Saarbrücken), H. Behrens (Erlangen), W. Beck (München), E. Weiss (Hamburg), F. Nast (Hamburg), Th. Kruck (Köln) und E. Lindner (Tübingen). Ich erinnere mich an den Emeritus, dessen Interesse an uns Studenten noch in den späten Sechzigerjahren ebenso groß war wie seine Präsenz in der „Ausnahmsstube“ des Instituts.

Am 29. November 1976 ist Walter Hieber im 81. Lebensjahr gestorben, wenige Tage vor seinem langjährigen Kollegen Egon Wiberg von der Universität. Geblieben sind ein reiches Lebenswerk, viele tüchtige Schüler, die Hieber geprägt hat, das Andenken an einen begnadeten Forscher und Lehrer, aber auch zahllose liebenswerte Anekdoten.